Warum führen Menschen Krieg? Und wie findet man Wege zum Frieden? Der Politikwissenschaftler Chris Blattman ist diesen Fragen an den unterschiedlichsten Orten nachgegangen: in Norduganda und Liberia, dem kolumbianischen Medellín und auch in Chicago, wo er mit seiner Familie lebt.
ZEIT ONLINE: Herr Blattman, in Ihrem Buch Why We Fight schreiben Sie, trotz der vielen Konflikte in der Welt seien Kriege immer noch die Ausnahme und nicht die Regel: “Selbst die erbittertsten Feinde ziehen es vor, einander in Frieden zu verabscheuen.” Was macht Sie da so sicher?
Chris Blattman: Mir ist natürlich klar, dass Menschen in den Krieg ziehen. Schließlich habe ich kein Buch namens Warum wir nicht kämpfen geschrieben. Aber meistens sind die Anreize für einen friedlichen Umgang miteinander so stark, dass es eben nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Diese Anreize können mehr oder weniger mächtig sein, je nach Zeit und Kontext. Aber ganz verschwunden sind sie nie.
ZEIT ONLINE: Was für Anreize meinen Sie?
Blattman: Ein Beispiel: Einige Wochen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine schickte Indien einen Marschflugkörper in Richtung Pakistan. Beide Länder liegen seit Jahrzehnten miteinander in Streit und in dem Konflikt gibt es auch immer wieder kurze Gewaltausbrüche. Aber ein wirklicher Krieg ist für beide undenkbar, er wäre einfach viel zu teuer. So wurde auch der Zwischenfall mit dem Marschflugkörper letztlich diplomatisch ausgeräumt.
ZEIT ONLINE: Russlands Invasion in die Ukraine scheint der perfekte Beleg für die Gegenthese zu sein: Krieg würde demnach wieder zum normalen Mittel der Politik.
Blattman: Nur vordergründig. Im Verhältnis Russlands zur Ukraine kann man sehr gut sehen, wie Russlands Präsident Wladimir Putin jahrzehntelang alle möglichen anderen Mittel genutzt hat, um die Ukraine unter russischem Einfluss zu halten. Er hat hochrangige Politiker und Separatisten unterstützt, Gegner vergiftet, Söldner geschickt. Erst als das alles nicht mehr fruchtete, hat er die Invasion befohlen. Der Krieg war Putins letztes Mittel, um die Ukraine nicht zu verlieren. In Nachbarländern wie Weißrussland oder Kasachstan brauchte er das nicht zu tun – dort war er auf andere Art erfolgreich.
ZEIT ONLINE: Warum kann Putin es sich leisten, die Kosten des Krieges für Russland zu ignorieren? Oder, allgemeiner gefragt: Warum kämpfen wir, obwohl Kriege so große Zerstörungen anrichten und auch den Angreifern schaden?
Blattman: Putin muss die Kosten des Kriegs nicht selbst tragen. Und er ist denen, die sie tragen müssen, zu keiner Rechenschaft verpflichtet. Russland ist ein autokratischer Staat, in dem der Präsident sehr viel Macht in seiner Person vereint. Er kann seine Interessen also praktisch ungehindert durchsetzen. Wenn ein Präsident sehr viel Macht hat, erhöht das immer das Kriegsrisiko. Umgekehrt senkt ein funktionierendes System der Gewaltenteilung zwischen Regierung und nachgeordneten Behörden, Justiz und Parlament die Gefahr, dass aus einem Konflikt ein Krieg entsteht. Checks and balances zwingen Regierende, die Kosten des Krieges zu beachten.
Das sieht man auch an anderen Orten, beispielsweise in Liberia. Der brutale Bürgerkrieg, der dort von 1989 bis 2003 herrschte, wurde auch dadurch befeuert, dass Liberias Präsident praktisch unbegrenzte Macht besitzt. Das Land ist fruchtbar und reich an Bodenschätzen – für die Kriegsherren war das ein sehr starker Anreiz, Gewalt auszuüben, um die Präsidentschaft zu erobern. Zumal sie einen großen Teil der Kosten anderen Menschen aufbürden konnten.
ZEIT ONLINE: Wenn Krieg aus einer Abwägung zwischen Kosten und Nutzen entsteht, dann sind Öl und andere Ressourcen sicher ein starker Anreiz, um Krieg zu führen?
Blattman: Ganz so einfach ist es nicht. Ich habe früher auch geglaubt, dass Kriege aus dem Kampf um Ressourcen entstehen. In meiner Doktorarbeit wollte ich es belegen. Aber es ist mir nicht gelungen.
ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie analysiert?
Blattman: Ich habe Länder untersucht, deren Wirtschaft vor allem auf dem Export von ein oder zwei Rohstoffen beruht. Auf dem Weltmarkt schwanken die Rohstoffpreise oft sehr stark in kurzer Zeit, was destabilisierend auf Wirtschaft und Gesellschaft wirkt. Ich dachte, das müsse nachweislich zu bewaffneten Konflikten um diese Rohstoffe führen. Aber das stimmte nicht.
ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Blattman: Egal wie groß die Einnahmen beispielsweise aus dem Verkauf von Öl sind: Krieg frisst einen großen Teil davon auf und wenn Sie etwas vom Kuchen abbekommen möchten, haben Sie immer ein Interesse daran, dass der Kuchen nicht schon vorher zerstört wird. Sie werden also verhandeln, um ihn ohne Kampf zu verteilen.
ZEIT ONLINE: Anders als Russland wird Liberia heute demokratisch regiert. Wie wahrscheinlich ist es, dass Demokratien Krieg führen?
Blattman: Ich kann das nicht beziffern. Aus meiner Sicht kommt es stark darauf an, wie gut die Gewaltenteilung in einem Land funktioniert. Liberia zum Beispiel war keine Demokratie, als der Bürgerkrieg begann. Heute ist es eine, aber aus der übergroßen Macht des dortigen Präsidenten entsteht eine große Gefahr. Insgesamt ziehen demokratisch regierte Länder seltener gegen andere Demokratien in den Krieg, würde ich sagen, aber selbstverständlich führen auch sie Kriege.
Auch die USA haben das in den vergangenen Jahrzehnten getan. Und sie haben, wie jede andere Großmacht, zuvor alle anderen Mittel der Einflussnahme erschöpft. Sie nutzen beispielsweise ihre Entwicklungszusammenarbeit und ihre Kulturindustrie, also Filme und Musik. Sie geben Schwarzgeld, unterstützen Staatsstreiche oder Stellvertretertruppen, die in ihrem Auftrag oder zumindest mit ihrem Segen kämpfen. Erst, wenn das alles nichts mehr bringt, marschieren sie selbst ein.
ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, wie sich die Lage in der Ukraine weiterentwickelt?
Blattman: Ich sehe keinen wirklichen Ausweg. Vielleicht entsteht früher oder später ein militärisches Patt. Dann wäre der Konflikt sozusagen eingefroren. Das scheint mir im Moment das Beste, auf das man hoffen kann. Ich glaube aber nicht, dass es in naher Zukunft einen offiziellen Waffenstillstand geben wird. Beide Seiten würden so einem Abkommen mit gutem Grund wohl nicht vertrauen – Putin nicht, weil er gesehen hat, wie stark der Freiheitswille der Menschen in der Ukraine ist. Und die ukrainische Regierung samt Parlament nicht, weil sie fürchten müssen, dass Russland den Waffenstillstand nutzt, um Kräfte zu sammeln und dann erneut einzumarschieren. In der Politikwissenschaft gehen übrigens viele Fachleute davon aus, dass so ein Vertrauensproblem hinter jedem langen Krieg steckt. Dann ist keine Seite in der Lage, glaubwürdig zu versichern, dass sie sich wirklich an ein Friedensabkommen hält. Deshalb hören die Kämpfe nicht auf.